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Atlantis: Energieperle im Ozean

Von Mario Hilgemeier

 

Um es vorauszuschicken: trotz aller Kritik - die gleich folgt - hat dieser Trickfilm mein Herz berührt. Ich habe diesen Kinogang nicht bereut.

Es ist eine klassische Abenteuer-Geschichte, deren Klischees man alle schon irgendwo mal gesehen hat. Aber Originalität im Plot wäre wohl auch zuviel verlangt - schließlich macht Disney keine Avantgarde, sondern muss einen Massenmarkt bedienen.

Da ist dieser junge, schlaksige Kartograph und Linguist namens Milo (natürlich trägt er eine Brille), der irgendwie an den Wissenschaftler in "Stargate" erinnert: ein bischen trottelig, auf seinem Fachgebiet verkannt, aber genial.

Das Vermächtnis seines Großvaters macht ihn zum Führer einer Expedition, die die mächtige Energiequelle der versunkenen Stadt Atlantis finden soll.

In einem technologisch an Jules Verne erinnernden Ambiente beginnt die Expedition. Ein gigantisches Unterseeboot, Unterwasser-Gänge, fliegende Maschinen, magische Gegenstände, Roboter, Heiler, und skurrile Typen zuhauf. Und zwar mehr als als guttut. Ein Film, der nicht nur optisch von Details so sehr strotzt, dass man ihn eigentlich zweimal anschauen müsste, um alles mitzubekommen. Das Breitwandformat wird voll ausgenutzt - es passieren teilweise Dinge am rechten und linken Rand gleichzeitig.

Ich habe versucht alles mitzubekommen. Aber vielleicht ist dieser overload auch nicht für einen Erwachsenen wie mich gedacht. Es gibt nur kurze Ruhephasen, dann bricht schon wieder der nächste Vulkan aus - Sie wissen schon, was ich meine.

Ich hoffe, die Kinder werden von all dem nicht verwirrt oder bekommen von den realistischen Kämpfen Alpträume. Jedenfalls hält einen der Film in Atem und es wird nie langweilig. Es ist gute Unterhaltung, keine Frage. Doch es würde mich nicht wundern, wenn die Kinder hinterher noch aufgedrehter sind als vorher.

Natürlich bekommt der Held am Ende die schöne Prinzessin Kida, die Bösen sterben und die Guten werden belohnt. Das ist alles ganz fein und so wie erwartet, damit die Zuschauer befriedigt sind. Schließlich geht man ja nicht in einen Märchenfilm, weil einem die Abendnachrichten zu wenig Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt bieten.

Obwohl ich die eckigen Figuren, die an "Hercules" erinnern, eigentlich nicht mag, wurden mir die Trickfiguren schnell sympathisch. Selbstverständlich hat Disney sich auch technisch gehörig ins Zeug gelegt. Auf 3D-Modellierung der Figuren wurde zwar verzichtet - dieser Film wirkt wie ein moderner Comic - aber hinter den rasanten Flügen und Kamerafahrten vermute ich dennoch eine dreidimensionale Computermodellierung.

Ob diese aufregenden Flugkampfszenen für Kinder das Richtige sind? Mancher mag sich eher an "Pearl Harbour" erinnern, als an einen Kinderfilm.

Ich hätte mir einen etwas langsameren Film gewünscht. Weniger Schnitte, damit man die wundervoll zusammengestellten Hintergründe ausgiebig betrachten kann. Aber falls es diesen Film mal auf Video oder DVD gibt, kann man ja die Zeitlupe einstellen.

Als ich im Kino war, sind die Kids mit ihren Eltern zu Beginn des Nachspanns alle gleich rausgerannt. Aber ich blieb sitzen und genoss die Musik. Ich liebe diesen alten Donovan-Song über Atlantis "... way dooown below the ocean ...".

Und die Szene, in der die geheimnisvolle, juwelenartig schimmernde Energiekugel aus einer Blüte von Masken erscheint, fand ich schon sehr beeindruckend. Als Prinzessin Kida sich mit der wirbelnden Lichtwolke vereinigt, wird der Film mythisch, wenn nicht sogar metaphysisch. Nicht schlecht!

Schade, dass die zurückgekehrten Expeditionsteilnehmer glauben, die Wahrheit mit Desinformation (um nicht zu sagen Lügen) schützen zu müssen. Jedenfalls siegt die Liebe am Ende und das scheint mir die eigentliche Botschaft des Films.

Ist es vielleicht so, dass unter dem Ozean (Freudianer würden sagen: dem menschlichen Unbewußten) eine leuchtende Perle der Liebe liegt? Vielleicht kannte einer der fünf Drehbuchautoren diesen weisen Spruch: "Wenn die Menschen die Kraft der Liebe entdecken, wird das ebensolche Auswirkungen haben wie die Entdeckung des Feuers."


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